Kurzurlaub mit starken Eindrücken

Endlich, ein langes Wochenende! Dieses Mal wollen wir es nützen, um nach Brighton zu segeln. Die Wettervorhersage ist super, also Leinen los. Am Donnerstagmorgen um 6 Uhr sind wir gestartet. Es war noch wenig Wind, also Groß und Genua hoch. Mit 3 Knoten Geschwindigkeit ging es über den Kanal. Hinter uns kam eine englische Yacht die Great Blue unter Segel mit Motorunterstützung. Sie sagten uns, sie würden auf Kanal 72 sein, nur falls was wäre und in etwa einer Stunde käme die Coral Blue, gute Fahrt. Die Great Blue zog weiter und wir versuchten unser Glück unter Segeln. Ganz schnell war das Segelboot am Horizont verschwunden. Wir sahen auch später das zweite englische Schiff aber auch nicht sehr lange. Das hat uns wieder klar gemacht, dass die ARC nur eine vermeintliche Sicherheit vermittelt und man sich auf dem Meer schnell aus den Augen verliert. Nach zwei Stunden dümpeln hatten wir die Nase voll. Wir warfen auch unsere eiserne Genua an. Mitten im Verkehrstrennungsgebiet hörten wir plötzlich Motorengeräusch - ein Hubschrauber kam immer näher. Es war der französische Zoll. Er flog ziemlich dicht über uns, nachdem sie wohl unsere Bootsdaten überprüft hatten, grüßten sie und drehen ab.

Nach 14 Stunden kamen wir in Brighton an. Die Einfahrt des Hafens ist von See aus nicht leicht zu erkennen. Da Niedrigwasser war, waren auch keine Masten zu sehen. Nachdem wir fast schon festgemacht hatten, kam ein Segler aus einem vollbesetzten irischen Boot und bat Hilfe an. Ob wir denn aus Holland kämen? Nein, wir sind Deutsche - er hätte die Flagge nicht erkannt. Nachdem die Balimara aufgeklart war, ging Manfred zum Hafenbüro und ich fing an zu kochen. Plötzlich kam aus dem Lautsprecher vom irischen Boot: "The German Radio just announced that Adolf Hitler is dead!" Ehrlich, ich war wie vom Donner gerührt. Ich konnte es nicht glauben. Wut und Zorn trieben mir Tränen in die Augen. Bisher dachte ich immer, dass Segler tolerante und weltoffene Menschen sind. Wieso immer noch dieser alte Völkerhass, was soll das! Ewig Gestrige lassen sich nicht überzeugen, dafür möchten wir keine Energie verschwenden, schon gar nicht, da wir so viele nette Engländer kennen und uns auch in Brighton nur netten Menschen begegnet sind.

Brighton ist eine junge und lebhafte Stadt. Sie hat schon viele Aufs und Abs erlebt und das spiegelt sich auch in Stadtbild wieder. Da gibt es den wunderschönen Royal Pavillon im exotischen Stil von König Georg IV (damals noch Prince of W(h)ales) erbaut mit einer Parkanlage zum Verweilen und die Lanes - schmale Gassen mit extravaganten Boutiquen, Cafes, Bars. Ein absolutes Muss ist auch der Besuch des Brighton Pier, eine Mischung aus Vergnügungspark, Nostalgie und Beschaulichkeit, zumindest an Wochentagen und außerhalb der Ferien. Setzt man sich in einen der Liegestühle, hat man das Gefühl auf einem Ozeanriesen zu sein und über die Weltmeere zu schippern. Mit der Volksrailway, die vor 1900 erbaut wurde, kann man vom Brighton Pier zur Brighton Marina eine nostalgische Bahnfahrt machen. Die lohnt sich wirklich. Auch die Marina bietet jede Menge Unterhaltung durch Bars, Restaurants und Geschäfte. Schade, dass wir so wenig Zeit hatten, denn gerade findet das Brighton Musik Festival statt. Wir sahen jede Menge Leute mit Musikinstrumenten durch die Stadt laufen. Wir kommen sicher wieder einmal nach Brighton, dann sicherlich mit mehr Zeit.

Zurück in der Marina trafen wir Ralf und Rosel aus Hagen mit ihrem Schiff Vita. Ralf erzählte, dass sich ein Sturmtief entwickelt, das morgen (also Samstag, unsere Rückfahrt!) mit bis zu 7 Windstärken kommen soll! Ja, Klasse, das ist genau das, was der Segler sich wünscht. Mehrere Nachfragen haben dies bestätigt. Am Morgen dann die Entscheidung: Lossegeln, ja oder nein? Wir segeln, etwas anderes bleibt uns nicht übrig.

In der Bucht von Brighton war das Wetter noch moderat. Erst mit Genua und dann mit Groß und Genua ging es gut voran. Dann wurde der Wind mehr und wir refften die Segel. Tatsächlich hatten wir dann unterwegs bis zu 8 Beaufort und 4 Meter Welle. Wenn man jedoch mal eingeschaukelt ist, dann kann man das gut verkraften. Wir kamen mit 7 - 8 Knoten gut voran. Kurz vor Fecamp kam dann eine schwarze Wolke auf uns zu! Der Wind war plötzlich weg, die Wellen natürlich noch da, Segel runter, Motor an und dann kam ein Platzregen mit Hagelkörnen auf uns nieder. Wir waren dann nass bis auf die Knochen. Endlich konnten wir das Kap Fagnet mit der Kapelle Notre Dame de Salut und die Hafeneinfahrt sehen. Aber was ist das - Einfahrt gesperrt.

Das darf jetzt nicht wahr sein! Doch - wir hatten total den Streik der Fischer vergessen. Die Hafeneinfahrt war blockiert. Beherzt fuhren wir darauf zu und setzten auf das Mitleid der Fischer, die wussten welches Wetter wir hatten und - sie öffneten die Blockade, dass wir einfahren konnten, sagten uns aber gleich, dass wir den Hafen nicht mehr verlassen könnten, solange der Streik andauert. Ja, egal - wir sind hier sowieso zu Hause.

Dann drehte Manfred die Hafenrunde, damit ich die Fender ausbringen konnte. Da tauchte ein Mann mit Regenschirm auf dem Besuchersteg auf. Wie nett, der hilft uns anzulegen - Segler sind doch gute Menschen! Aber nein, weit gefehlt, als wir in die Box fahren wollten, sagte er uns, das ginge nicht, das wäre zu eng, in dieser Box hätte nur sein Boot Platz, wir sollten und einen anderen Platz suchen. Was soll man dazu noch sagen? Uns fehlen heute noch die Worte! Wir waren müde, hungrig, nass und kalt und wollten nur noch eines, eine warme Dusche und etwas zu essen! Schon um 22 Uhr sind wir tot müde in die Koje gefallen und schliefen tief und fest.

Am Sonntag klarten wir unsere Balimara auf, gingen schön im La Plaisance essen und anschließend verholten wir das Schiff ins Bassin Berigny. Als wir dann auf unseren Platz fahren wollten, war dieser besetzt. Eigentlich hatten wir ja genügend Überraschungen erlebt dieses Wochenende. Das hätte nun nicht unbedingt noch sein müssen. Wir haben dann irgendwo festgemacht, in der Hoffnung, dass unser Platz spätestens nach dem Streik wieder frei wird.

Schön, mal wieder in England gewesen zu sein, dem Land, dem wir schon so lange verbunden sind. Das Wochenende hat starke Eindrücke bei uns hinterlassen. Obwohl wir heftiges Wetter hatten, hat es Freude gemacht, die Balimara zu segeln. Sie ist ein so sicheres und verlässliches Boot, besser könnten wir es uns nicht wünschen.

Hier noch ein paar Bilder aus Brighton: